Programm

 

Donnerstag, 26. September

Hotel Maritim, Saal Maritim
Begrüßungsempfang

20:00 Uhr

Sebastian Krämer

Musikalisches Satireprogramm mit eigenen Liedern
(Piano und Gesang)

Im Anschluss daran:
Sektempfang

Teilnahme für Kongressteilnehmer kostenfrei –
Eine Begleitperson möglich: Kostenbeitrag € 10
(Voranmeldung erforderlich, keine Abendkasse)

 

Freitag, 27. September

Hotel Maritim, Saal Maritim
Moderation: Bernhard Janta

09.15 Uhr

Begrüßungen

09.30 – 10.30 Uhr

Das Mass der Zeit. Die Zeit als Tauschwert und Gabe
– Diskussion

Joachim Küchenhoff

Therapien folgen dem Takt der Zeit. Therapiestunden werden verkauft; selbst ausgefallene Stunden werden i.d.R. bezahlt. In der psychoanalytischen Ausbildung gilt als hoher Wert, auf den Rahmen, und das heisst auf die Vergütung der Therapiezeit, zu bestehen. Psychoanalysen dauern lange; sie sind dementsprechend teuer. Zeit wird gegen Geld getauscht. Das Unbewusste, so hat Freud festgehalten, kennt keine Zeit und ist zeitlos. Daher verschwindet es nicht mit der Zeit, sondern folgt dem Wiederholungszwang und wird in der Übertragung bearbeitbar. Der Augenblick der richtigen Deutung allerdings lässt sich nicht planen. Der Gegenwartsmoment der Übertragung und seine deutende Auflösung gelingen, wenn Zeit gegeben, geschenkt wird. Zeit in der Psychoanalyse ist zugleich Tauschwert und Gabe. So wird Zeit in der Psychoanalyse nach zweierlei Mass gemessen, das nicht zueinander passt. Dieser Widerspruch löst sich nicht leichthin auf. „Lang“ ist nicht notwendig „gut“, die Zeitlosigkeit des Unbewussten hat mit therapeutischer Passivität nichts zu tun. Es kommt darauf an, mit der Dialektik der Zeit zwischen Tauschwert und Gabe umgehen zu können

10.30 – 11.00 Uhr

Kaffeepause

11.00 – 12.00 Uhr

Gesellschaftliche Demokratisierung und der Aufstieg des intersubjektiven Paradigmas in der Psychoanalyse – Eine kritische Bestandsaufnahme
– Diskussion

Werner Bohleber

Fast alle psychoanalytischen Schulrichtungen haben in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten eine Wende zu einer stärker intersubjektiven Ausrichtung durchlaufen. Die Konzeption der intersubjektiven Entstehung des Selbst hat Parallelen im philosophisch-sozialwissenschaftlichen Denken. Berücksichtigt man die gesellschaftlichen, kulturellen und geistig-philosophischen Strömungen unserer Zeit, so wird der Horizont des Verstehens erweitert und macht durchsichtig, wie die Psychoanalyse auf die fortschreitende Demokratisierung der Lebensbereiche und auf die veränderte Stellung des Individuums reagiert und wie sie in ihrer Theoriebildung Impulse aus der Philosophie und den Sozialwissenschaften aufnimmt. Dies wird im Vortrag im Einzelnen gezeigt. Denkt man in intersubjektiven Kategorien, so reicht es nicht aus, im Sinne einer Zwei-Personen-Psychologie zwei Akteure zu beschreiben, die aufeinander einwirken, sondern die Interaktion selbst, die nicht in die Anteile der Interaktionspartner zerlegt werden kann, muss konzeptualisiert werden. Kritisch wird diskutiert, wie die einzelnen intersubjektiven Konzeptionen in der Psychoanalyse versuchen, Intersubjektivität zu erfassen.

12.00 – 13.00 Uhr

"Geh aus mein Herz und suche..." – Ist eine Allgemeine Psychotherapie in der Psychoanalyse bereits Realität?
– Diskussion

Wolfgang Mertens

Bekannte Psychotherapieforscher fordern, das Festhalten an Therapieschulen, wie Kognitiver Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Systemischer Therapie und anderen, sollte aufgegeben werden. An die Stelle der Schulen müssten zukünftig Konzepte und gut bewährte Befunde z.B. aus der Gedächtnisforschung, Emotionspsychologie, Klinischen Psychologie und Neurobiologie als Grundlage für störungsspezifische Interventionen treten. Dies würde, so die Argumentation, auch das Ende des konzeptuellen Babels in der Psychoanalyse, aber auch mittlerweile in der Verhaltenstherapie bedeuten. In diesem Vortrag wird zur Diskussion gestellt, ob die für Psychoanalytiker ursprünglich provozierende Forderung von Grawe und anderen nach einer Schulen überwindenden Allgemeinen Psychotherapie in der zeitgenössischen Psychoanalyse nicht stillschweigend bereits verwirklicht ist? So gehört die Annahme von Lernprozessen in der frühen Mutter-Kind-Beziehung bereits seit längerem zum Repertoire psychoanalytischer Kleinkind- und Bindungsforschung, die Erkenntnisse über implizite Gedächtnisprozesse haben frühere Konzepte wie Körpergedächtnis oder sensomotorische Kodierungen abgelöst, der grundlegende Stellenwert der Emotionen inklusive des mimischen Ausdrucks im therapeutischen Geschehen ist seit über 25 Jahren bekannt und Konzepte aus der kognitiven Theory of Mind-Forschung erfreuen sich seit geraumer Zeit großer Beliebtheit. Stillschweigend und ohne dies oftmals zu wissen, wenden Psychoanalytiker moderne Konzepte benachbarter Disziplinen an. Worin bestehen dann aber noch die Grundlagen des genuin psychoanalytischen Verfahrens? Ist die Allgemeine Psychotherapie - häufig unerkannt - in der Psychoanalyse bereits Realität?

13.00 – 14.15 Uhr

Mittagspause


Im Anschluss:
Interne Sitzungen

 

Samstag, 28. September

Hotel Maritim, Saal Maritim
Moderation: Susanne Walz-Pawlita

09.30 – 10.30 Uhr

"Wohlstand macht Ungeheuer." Gesellschaftliche und psychologische Aspekte der Ökonomisierung
– Diskussion

Georg Bruns

Seit 2-3 Jahrzehnten zeichnet sich in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen ein Prozess ab, der je nach Perspektive als Ökonomisierung oder Rationalisierung bezeichnet werden kann. Er besteht aus der Organisation von gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen auf eine maximale Effizienz und Kontrolle hin. Entsprechende Entwicklungen sind auch in der Medizin auf der strukturellen Ebene wie in den medizinischen Abläufen selbst zu beobachten, eine Entwicklung, die als eine Industrialisierung der Medizin bezeichnet werden kann. Diese veränderten sozialen Prozesse und Strukturen verändern nicht nur die Formen des Arbeitens, sondern auch des Alltagslebens, der Familien und anderer sozialer Beziehungen. Daraus entstehen neue Bedingungen und Risiken für soziale und psychische Entwicklungen. Die Veränderungen betreffen auch die Psychoanalyse. Sie ist mit neuen Erwartungen, neuen Anforderungen und neuen sozialen Bedingungen konfrontiert. Sie muss sich fragen, ob sie theoretisch und praktisch auf veränderte gesellschaftliche Verhältnisse eingestellt ist.

10.30 – 11.00 Uhr

Kaffeepause

11.00 – 12.00 Uhr

Macht der Kapitalismus depressiv?
– Diskussion

Martin Dornes

In der Öffentlichkeit und auch in Fachkreisen ist die Auffassung weit verbreitet, die Entwicklung moderner Gesellschaften gehe mit einer Zunahme psychischer Erkrankungen einher. Im Gefolge der Studentenbewegung waren es noch narzißtische Störungen, die angeblich zunehmen sollten, heute sind es depressive Störungen. Diese Feststellung wird mit einer Sozialkritik verbunden, derzufolge die Entwicklung vom keynesianischen Wohlfahrtsstaat zum neoliberalen Kapitalismus für diese Entwicklung mitverantwortlich ist. Insbesondere die Verschärfung des Konkurrenz- und Leistungsdrucks in Betrieb und Schule, die wachsende Ungleichheit der Einkommensverteilung sowie die allgemeine Beschleunigung des Lebenstempos sollen zu Veränderungen in der primären Sozialisation und in der Lebenswelt führen, die das gehäufte Auftreten von psychischen Erkrankungen, vor allem Depressionen, begünstigen. Im Gegensatz zu dieser weit verbreiteten Auffassung soll im Vortrag gezeigt werden, dass weder psychische Störungen im allgemeinen noch Depressionen im besonderen in den letzten 30 Jahren zugenommen haben. Die weitgehende Konstanz psychischer Erkrankungen seit 1980 legt den Schluss nahe, dass die Erkrankungshäufigkeit weit weniger empfindlich auf soziale Veränderungen reagiert als gemeinhin angenommen. Einer Sozialkritik, die sich auf die Behauptung stützt, die Gesellschaft mache in zu nehmendem Maße psychisch krank, fehlt somit das Fundament.

12.00 – 13.00 Uhr

Mich beunruhigen die unruhigen Jungen
– Diskussion

Hans Hopf

Jungen haben Probleme mit der Regulation ihrer Affekte, sie neigen zu sozial störenden Verhaltensweisen mit Aggressionen und Bewegungsunruhe. Bewegung kann phallische Lust bedeuten, aber auch zur Abwehr eingesetzt werden. Dann bedeutet Bewegungsunruhe eine Regression zur Affektmotilität und unerträgliche, nicht containte/mentalisierte Affekte werden in Form von ungesteuerter Bewegung externalisiert. Bei Jungen manifestiert sich zudem eine narzisstisch-objektmeidende Neigung, sie entwickeln ‚Externalisierende Störungen‘ mit Unruhe und Aufmerksamkeitsdefiziten. Augenscheinlich bildet sich bei Jungen nur schwer ein innerer Raum, in dem Affekte gehalten, ausgehalten und schließlich symbolvermittelt in Beziehungen gebracht werden können. Bereits neugeborene Jungen sind impulsiver, geraten rascher in emotionale Erregung und lassen sich nur schwer beruhigen. Wir können davon ausgehen, dass der Säugling Akzeptanz oder Ablehnung im Gesicht der Mutter spürt und an ihren Reaktionen wahrnehmen kann. Diesen Schrecken über das Zerbrechen der Einheit mit der Mutter versucht der Junge möglicherweise über eine objektmeidende (philobatische) Abwehr zu bewältigen. Es wird vor allem dann geschehen, wenn eine Mutter den Jungen in seiner Besonderheit und mit seinem Geschlecht nur schwer annehmen kann. Fehlt zudem der Vater als früher Dritter, so kann der Junge vor seiner Innenwelt sowie den Beziehungen fliehen und die äußere Welt manisch besetzen – eine Diagnose gemäß DSM eliminiert schließlich die Seele.

13.00 – 14.30 Uhr

Mittagspause

Hinweis auf Parallelveranstaltungen (* PV)

14:30 – 15:15

15:15 - 16:00

16:30 - 17:15

17:15 - 18:00

Saal Berlin B
Hotel Maritim

Saal Berlin C
Hotel Maritim

Salon 5
Hotel Maritim

Salon 6
Hotel Maritim

Salon 15
Hotel Maritim

Salon 7
Hotel Maritim

Salon 11
Hotel Maritim

Salon 13
Hotel Maritim

Salon 16
Hotel Maritim

Salon 17
Hotel Maritim

Salon 7
Hotel Maritim

Salon 21
Hotel Maritim

Salon 14
Hotel Maritim

Salon 14
Hotel Maritim


14:30 – 15:15

15:15 - 16:00

16:30 - 17:15

17:15 - 18:00

* PV 1.0 – Saal Berlin B
Moderation: Georg Schäfer
(max. 300 Teilnehmer)

14.30 – 15.15 Uhr

Ist es unzeitgemäß, heute noch Psychoanalytiker zu werden?
– Diskussion

Michael Koenen / Rupert Martin

Es fällt schwer, diese Frage nicht mit einem klaren „Ja“ zu beantworten. Die Bewerberzahlen für die psychoanalytische Ausbildung bei DPV und DPG gehen zurück, während die Nachfrage nach der verhaltenstherapeutischen Ausbildung im steten Aufwärtstrend liegt. Fast alle Lehrstühle an den psychologischen Universitätsinstituten sind mittlerweile verhaltenstherapeutisch besetzt. Die Analytische Langzeitpsychotherapie gerät unter immer stärkeren Rechtfertigungsdruck. Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu „verrückt“, heute noch Psychoanalytiker zu werden – so eine psychoanalytische Ausbildungskandidatin im Rahmen einer empirischen Untersuchung zu der Frage: „Wie wird man Psychotherapeut? Wie findet man seine Schule und wie entwickelt sich eine schulenspezifische Identität?“ Die Untersuchung der Psychoanalytiker Michael Koenen und Rupert Martin ist aus dem Forschungsprojekt „Developing Psychoanalytic Practice and Training (DPPT)“ hervorgegangen, das von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) angesichts der auch weltweit sinkenden Bewerberzahlen von 2004 bis 2011 durchgeführt wurde. Die Autoren haben insgesamt 58 qualitative Interviews mit psychoanalytischen und verhaltenstherapeutischen Ausbildungskandidaten, fertig ausgebildeten Psychoanalytikern und Verhaltenstherapeuten durchgeführt. Diese wurden durch das Verfahren der ‚Expertenvalidierung’ ausgewertet, analog der Katamnese-Studie der DPV (Leuzinger-Bohleber et al 2003). Daraus entwickelten sie Erklärungsansätze, warum die Verhaltenstherapie im Gegensatz zur Psychoanalyse von den gesellschaftlichen Veränderungen zu profitieren scheint. Zugleich legen sie dar, daß gerade ihre Unzeitgemäßheit die Psychoanalyse heute zeitgemäß macht.

* PV 1.1 – Saal Berlin C
Moderation: Tobias von Geiso
(max. 300 Teilnehmer)

14.30 – 15.15 Uhr

Aufklärung heute: für eine zeitgemäße psychoanalytische Religionsauffassung
– Diskussion

Herbert Will

Die Einstellung der Psychoanalyse zur Religion war durch weltanschauliche Vorentscheidungen geprägt. In der Mehrheit folgte man Freuds atheistischer Position. Sie war voranalytisch, Teil seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung und diente dem aufklärerischen Kampf gegen die Religion. Eine kleinere Gruppe von Psychoanalytikern verteidigte die Religion von einer gläubigen Position aus. Bei diesem weltanschaulichen Gegensatz fehlte die Selbstaufklärung, die Reflexion auf die eigenen vorgängigen Überzeugungen und deren Motivationen. Der Vortragende argumentiert, dass die Befreiung von der Macht der Religion in Europa erfolgreich war und die Freudsche Religionsauffassung hier ihren Feind verloren hat. Deshalb kann die Psychoanalyse heute ein entspannteres Verhältnis zur Religion entwickeln und ihr einen "normaleren“ Platz im psychoanalytischen Diskurs geben. Er schlägt vor, Atheismus und Religion als allgemeinmenschliche Erscheinungsformen der psychologischen Grundhaltungen von Glauben, Unglauben und Überzeugungen zu begreifen. Das heißt nicht, dass die Verbindung von Psychoanalyse mit Aufklärung unzeitgemäß geworden sei. Religiöser Fanatismus, Fundamentalismus, moralische Indoktrination und viele weitere religiöse Phänomene verlangen weiterhin nach Aufklärung.

* PV 1.2 – Salon 5
Moderation: Ursula Wienberg
(max. 60 Teilnehmer)

14.30 – 15.15 Uhr

AD(H)S: Kinder, Jugendliche und Erwachsene
– Diskussion

Adelheid Staufenberg

Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist seit den 1990er Jahren stetig, teilweise sprunghaft angestiegen und bei Kindern und Jugendlichen zu der am häufigsten gestellten Diagnose geworden und seit 2011 auch als Diagnose ADS für Erwachsene anerkannt. In der öffentlichen Diskussion beherrscht die Vorstellung von der "funktionellen Stoffwechselstörung im Gehirn", die verkürzt mit einer genetischen Verursachung erklärt wird, das Verständnis der ADHS. Der genetische Aspekt wird darüber hinaus pathologisiert, als sei eine Disposition zur verstärkten Dopamninwiederaufnahme per se eine Krankheit. Fragen nach Sinn und Bedeutung des auffälligen Verhaltens hyperaktiver Kinder treten dabei in den Hintergrund. Das psychoanalytische Verständnis hingegen setzt bei den Fragen nach der psychodynamischen Genese, nach Sinn und Funktion der Verhaltensstörung an.
Die massenhafte Verbreitung der Diagnose und die Betonung der genetischen Anteile bei ihrer Entstehung wirft ihrerseits die Frage auf, ob die modernen Gesellschaften selbst einer kritischen Diagnose unterzogen werden müssen. Die Verhaltensstörung, gekennzeichnet durch Unruhe, fehlende Selbstkontrolle und hohe Ablenkbarkeit und fehlende Konzentration, geht Hand in Hand mit subjektivem Bedeutungsverlust. Die Subjekte geraten außer sich und wissen nicht, warum. Die medikamentöse Behandlung entspricht dieser Logik.

* PV 1.3 – Salon 6
Moderation: Dietrich Munz
(max. 40 Teilnehmer)

14.30 – 15.15 Uhr

Schöne neue (Arbeits-)Welt – Auswirkungen auf die therapeutische Praxis
– Diskussion

Gudrun Brockhaus

"Die Psychoanalyse entstand aus dem Rückzug des Selbst in die Privatsphäre und aus der Sättigung des Privaten mit Emotionen." (Illouz) Das Verhältnis von Arbeitswelt und emotionaler Welt hat sich jedoch gravierend verändert. Wie wirkt sich die Erosion der Grenzen zwischen Privatbereich und Arbeitsleben auf die psychoanalytische Arbeit aus? Mobilität, Flexibilität und Verfügbarkeit erfordernde Arbeitsverhältnisse begrenzen den inneren und äußeren Raum, in dem sich analytische Prozesse entfalten können. Der ,Gefühlshaushalt' wird ökonomischen Kriterien unterworfen. Die Forderung von Effizienz, Planbarkeit, Anpassungsoptimierung wird auch an die Psychoanalyse herangetragen. Dies widerspricht deren Idealen von freier Assoziation, Geduld und Entfaltung der individuellen Besonderheit.
Dieser Ökonomisierung des Privaten steht die Emotionalisierung der Berufswelt gegenüber. Entscheidend für die employability wurden emotionale und psychosoziale Kompetenzen wie Initiative, Engagement, Teamfähigkeit, Empathie, Belastbarkeit, Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz. Unter dem Stichwort "Subjektivierung der Arbeit" werden Berufstätigen Freiheiten zugestanden, sich persönlich einzubringen. Dies führt häufig dazu, dass die berufliche Arbeit zum zentralen Lebensinhalt wird und alle Emotionen bindet. Gleichzeitig bietet die flexible neue Arbeitswelt keinerlei Verlässlichkeit und Perspektive, sie erzeugt Gefühle von Unverständlichkeit, Sinnlosigkeit und Ohnmacht. Psychoanalyse hingegen beharrt auf der Möglichkeit, der eigenen Geschichte einen Sinn zu verleihen. Befördert die psychotherapeutische Praxis damit die Illusion von Selbstbestimmung und verleugnet reale Ohnmacht?

* PV 1.4 – Salon 15
(max. 50 Teilnehmer)

14.30 – 15.15 Uhr

AG: Möglichkeiten, Sinn und Nutzen von psychoanalytischer Haltung und psychodynamischer Therapie bei Schwerkranken in der Akutklinik

Michael Purucker / Elisabeth Wentzlaff

Patienten mit komplexer psychischer, somatischer und psychosomatischer Komorbidität stellen hohe Anforderungen an die stationäre Psychotherapie und die Mitarbeiter der verschiedenen Berufsgruppen. Die erhebliche körperliche Krankheitsbelastung bzw. die vielfältige Psychopathologie bei schweren neurotischen oder strukturellen Störungen erfordern psychodynamisch ein adaptiertes Therapiekonzept, das den Rahmen für die Reinszenierung psychischer Konflikte bzw. die Entwicklung struktureller Fähigkeiten erlaubt und dabei die Grenzen psychischer und körperlicher Einschränkungen respektiert. In dem Workshop werden daher in Einzelvorträgen die in unseren psychodynamischen Akutkliniken entwickeltem stationsbezogenen Behandlungskonzepte und spezifischen Erfahrungen in der Psychotherapie bei körperlich Kranken, bei Anorexia nervosa und bei konversionsneurotischen bzw. dissoziativen Syndromen vorgestellt. Der Workshop thematisiert damit neben den klinischen Fragestellungen den spezifischen Beitrag der Psychodynamik und Psychoanalyse zu Verbesserung der Krankenbehandlung und die dazu notwendige Struktur- und Prozessqualität.

* PV 1.5 – Saal Berlin B
Moderation: Georg Schäfer
(max. 300 Teilnehmer)

15.15 – 16.00 Uhr

Durchhalten, Dichtmachen oder …? Perspektiven für Psychoanalytische Institute
– Diskussion

Peter Döring

Die Psychoanalyse scheint in doppelter Hinsicht unZEITGEMÄSS.

Zum einen in ihrem Interesse am Einzelnen, am Hier und Jetzt, an der Unteilbarkeit der Zeit, an der unbedingten Präsens, daran, dass Entwicklung und Beziehung Zeit benötigen und nicht beliebig verdünnbar und virtualisierbar sind. So unzeitgemäß dies scheinen mag, so sehr passt diese „Kernkompetenz“ der Psychoanalyse zu einem ebenfalls „unzeitgemäßen“ Bedürfnis vieler Menschen, in ihrer Individualität gesehen, wahrgenommen und verstanden zu werden. Gleichwohl ist die Psychoanalyse längst nicht mehr die einzige „Anbieterin am Markt“ – andere liefern anscheinend günstiger und kundenorientierter. Trotz eines guten Angebots haben es die Psychoanalytischen Ausbildungsinstitute schwer, Kandidaten zu finden.

Dies hat mit der zweiten Seite des unZEITGEMÄSSEN der Psychoanalyse zu tun, der Organisation ihrer Ausbildung und den Strukturen ihrer Ausbildungsinstitute. Durch diese unzeitgemäße Organisation ist die Psychoanalyse gefährdet, zunehmend an Bedeutung zu verlieren und in Behandlung und Ausbildung in eine randständige Lage zu geraten.

Im Vortrag werden Phänomene gesammelt und Handlungsoptionen für Psychoanalytische Institute entwickelt und diskutiert.

* PV 1.6 – Saal Berlin C
Moderation: Tobias von Geiso
(max. 300 Teilnehmer)

15.15 – 16.00 Uhr

Zur Bedeutung des analytischen Denkens heute
– Diskussion

Bernd Horn

Eine revolutionäre Erkenntnis der Psychoanalyse war die Befreiung des Menschen aus Abhängigkeit von vermeintlich höheren Wahrheiten. Die Anwendung der  Tiefenpsychologie auf die weltanschauliche Verankerungen ermöglichte einen Appell zur Selbstverantwortung und Befreiung von Ideologien. So  sollte  mehr Herrschaft über  infantile Abhängigkeiten  gewonnen werden. Praktisch bedeutsam war und ist diese Aufklärung für den Umgang mit leidenden Menschen. Die Wichtigkeit und Möglichkeit des Anerkennens eigener verleugneter „böser“ (unbewusster) Anteile ermöglicht die Gesundung von Neurosen; kann auch helfen, das Ausagieren von Aggressionen zu verhindern.
Nach einer optimistischen Phase  der Hoffnung auf Verantwortung der Person als  Triumph über  die Illusionen des Glaubens erleben wir heute ein Wiedererstarken banaler Spiritualität generelle in der Gesellschaft und selbst in Spielarten der Psychotherapie. Diese  regressive/infantile Antwort aus existenzieller Betroffenheit muß aber nicht hingenommen werden. Hier  kann das Besinnen auf die Wurzeln der aufklärenden Funktion der Psychoanalyse nützlich sein . Dass dieser Mechanismus nicht nur für den einzelnen sondern auch für Gesellschaftsideologien und unterschiedl. Glaubrnsysteme  gilt, sah schon die klassische Analyse. In beklemmender Weise hat dies psychodynamische Problematik Grunberger in seiner letzten Veröffentlichung beschrieben.

* PV 1.7 – Salon 5
Moderation: Ursula Wienberg
(max. 60 Teilnehmer)

15.15 – 16.00 Uhr

Recht auf Individuation?! "Ich will eine Verhaltenstherapie machen! In der Psychiatrie! Ich bin böse!"
– Diskussion

Ulrike Held

Der 12j. Lukas steht schwerfällig auf den Tisch gestützt und schleudert mir, die ich auf der anderen Seite sitze, impulsiv und doch gepresst diese Sätze entgegen. „Ich bin böse“ wiederholt er heftig.
A: „Du willst eine Verhaltenstherapie machen, weil du dir davon versprichst, dass sich dein Verhalten dann schnell ändert?“
L: „Ja.“
A: „Hier geht es nur sehr langsam.“
Lukas, ein Junge mit einer schweren körperlichen Behinderung und intellektueller Einschränkung und mit Missbrauchserfahrungen, wurde mir wegen aggressiver Durchbrüche vorgestellt. Anhand der tiefenpsychologisch fundierten Behandlung dieses Jungen möchte ich behandlungstechnischen Fragen nachgehen, die uns mit dem so unzeitgemäßen, weil unbeliebten und gleichzeitig so zeitgemäßem Thema der Begrenzungen in Kontakt bringen. Auf der Grundlage trieb- und objektbeziehungstheoretischer sowie intersubjektiver Überlegungen und Beschäftigung mit philosophischen Fragen der Anerkennungstheorie (A. Honneth) sowie der Zusammenschau von Psychoanalyse und (geistiger) Behinderung ist es mir auch ein Anliegen, zu diskutieren, was wir von Patienten mit offensichtlichen Begrenzungen für die Weiterentwicklung unseres psychoanalytischen Denkens lernen können und was wir generell als Analytiker verstanden bzw. bestenfalls integriert haben sollten, um diesen Patienten hilfreich sein zu können.

* PV 1.8 – Salon 6
Moderation: Dietrich Munz
(max. 40 Teilnehmer)

15.15 – 16.00 Uhr

Auswirkungen auf die Übertragungsbeziehungen: der Tod in der Gegenübertragung
– Diskussion

Mura Isa Kastendieck

Entlang des Hauptthemas un-Zeitgemäßes möchte ich sprechen, welche Bedeutung das Konzept des Todestriebes von S. Freud in den psychoanalytischen Behandlungen der jetzigen Zeit wiedergewinnt. Patient_innen mit Gewalterfahrungen und Todeserlebnissen haben mir in den Behandlungen gezeigt, wie ihre Liebes- und Beziehungswünsche in perverse Konstellationen geführt haben. Sadomasochistische SM Sexualität, Pornographie Sucht und selbstverletzendes Verhalten kann entlang (auch der antiken Mythologie von Eros und Thanatos) als Ausdruck des Todestriebes betrachtet werden. Welches ist der Lustgewinn /Triebgewinn in der perversen Beziehung? Meine These ist, dass es nicht um die sexuelle Befriedigung geht, sondern um die Befriedigung der Destruktivität, also letztlich des innewohnenden Todestriebes und dessen Wiederholungszwanges. „Was haben Sie von der perversen Beziehung“? scheint also keine mögliche Antwort zu bekommen, denn dieser Lustgewinn ist stumm - tot? Es ist nicht orgasmische Spannungslösung, sondern Aufschieben der Lösung und Beibehaltung der destruktiven und schmerzhaften Spannung. Masochistische Abfuhr der Aggression gegen das Objekt wird somit triebhaft im Wiederholungszwang gegen sich selbst zerstörerisch aufrecht erhalten. Auswirkungen auf die Übertragungsbeziehungen: passive, ‚tote‘ Aggression sowie tötende Aspekte wie ‚der Tod in der Gegenübertragung‘ – werden kasuistisch dargestellt.

* PV 1.9 – Salon 15
Moderation: Ingrid Rothe-Kirchberger
(max. 50 Teilnehmer)

15.15 – 16.00 Uhr

Psychoanalyse und Achtsamkeit
– Diskussion

Rainer Wirthgen

In den letzten Jahren ist das allgemeine Interesse an Achtsamkeit exponential gestiegen. Die Hirnforschung hat positive Auswirkungen von Meditation nachgewiesen und das Interesse von Psychotherapeuten an achtsamer Haltung und Beziehung im Hier und Jetzt wächst. In der Verhaltenstherapie sind Techniken, die hauptsächlich auf buddhistischen Ansätzen basieren, wesentlicher Bestandteil der so genannten dritten Welle. In der Psychoanalyse haben sich schon Horney und Fromm und später u. a. Mitchell, Magid und Fulton mit fernöstlicher Philosophie und Praxis auseinandergesetzt, was einem steigenden Patienteninteresse entgegenkommt. Bemerkenswert sind die Parallelen zu psychoanalytischen Ansätzen, die oft nur von Sprachproblemen verschleiert werden. Auch scheinbare Widersprüche wie Ich-Stärke vs. Ich-Leere lassen sich aufklären. Achtsamkeit bedeutet Introspektion, aber auch Beziehung. So liegt der Fokus nicht nur im Beobachten und Erkennen mentaler bzw. emotionaler Abläufe mit positiven Auswirkungen auf die Affektregulierung, sondern auch in einer Objektbezogenheit, die Mentalisierungsfähigkeit und Empathie fördert. Für die Psychotherapie ist die psychologische Komponente durch die Unterstützung der Symbolisierungsfähigkeit von Bedeutung, welche von der transpersonalen oder spirituellen Seite unterschieden werden kann, bei der es eher um Bewusstseinszustände jenseits der Alltagserfahrung geht. Eine Modifizierung der psychoanalytischen Methodik ist nicht erforderlich. Der Indikationsbereich ist breit gefächert und geht über narzisstische Störungsbilder hinaus.

* PV 2.0 – Saal Berlin B
Moderation: Ingrid Moeslein-Teising
(max. 300 Teilnehmer)

16.30 – 17.15 Uhr

Bin ich schön – bin ich weiblich!? Psychoanalytische Überlegungen zum aktuellen Schönheits- und Körperdiskurs
– Diskussion

Helga Krüger-Kirn

Der aktuelle, vorwiegend medial vermittelte Körperdiskurs der Spätmoderne entwirft den Körper zunehmend als einen Ort optionaler Gestaltungsmöglichkeiten. Grundsätzlich betreffen die Körperinszenierungen beide Geschlechter, doch zeigen sowohl der gesellschaftliche Körperdiskurs sowie die klinische Erfahrung, dass der weibliche Körper von diesem Diskurs in besonderer Weise betroffen ist. Dieser Beitrag plädiert dafür die Körperinszenierungen vor dem Hintergrund eines psychoanalytischen Subjektverständnisses in das Spannungsfeld von gesellschaftlichem Körperdiskurs und subjektiver weiblicher Körperaneignung zu stellen. Entsprechend der unauflösbaren Dialektik von Körper und Subjekt repräsentieren die Körperinszenierungen in dieser Perspektive geschlechtsspezifische und gesellschaftliche Zuweisungen. In Verbindung mit der Hypothese einer kollektiven Abwehr des homosexuellen Begehrens in der Mutter-Tochter- Beziehung wird herausgearbeitet, dass damit Leerstellen in der subjektiven Repräsentanz weiblicher Körperlichkeit und weiblicher Identitätsentwürfe einhergehen. Anknüpfend an Freuds erste Verführungstheorie (1905e), die m.E. heute wie damals den Kern der Symptomentwicklung und geschlechtsspezifischen Entwicklung trifft, geht es auch darum den psychoanalytischen Weiblichkeitsdiskurs zu reflektieren und den weiblichen Körper in den psychoanalytischen Forschungsdiskurs zu (re-)integrieren.

* PV 2.1 – Saal Berlin C
Moderation: Rupert Martin
(max. 300 Teilnehmer)

16.30 – 17.15 Uhr

Libido und Aggression. Eine interaktionstheoretische Interpretation der als unzeitgemäß verachteten Triebtheorie
– Diskussion

Hans-Dieter König

Die Triebtheorie gilt auch aufgrund der Einsichten der neueren Säuglingsforschung als unzeitgemäß. Dabei wird der methodologische Status der Triebtheorie als einer Konstruktion verkannt, die sich als ein heuristisches Konzept der psychoanalytischen Praxis empirisch bewährt hat. Zugleich wird auch die Bedeutung der Triebtheorie für das Verständnis der Psychodynamik der Neurosen unterschätzt. Zeitgemäß lässt sich die Triebtheorie verstehen, wenn man sich mit Alfred Lorenzer auf ein interaktionstheoretisches Verständnis der in der Körperlichkeit wurzelnden Bedürfnisse einlässt, die durch das Interagieren mit Anderen sozial hergestellt werden.
Das Vorurteil, die Triebtheorie sei antiquiert, ist Ausdruck einer Ideologie, die sich mit dem gesellschaftlichen Wandel entwickelt hat. Die vorherrschenden Abwehrmechanismen scheinen sich nämlich zu wandeln. Freud praktizierte in einer durch soziale Klassen bestimmten traditionalen Gesellschaft, in der eine sexualfeindliche Moral zur Verdrängung sozial anstößiger Triebimpulse zwang. Die sich in der Moderne durchsetzende Individualisierung von sozialen Lagen und das individuelle Ausbalancieren einander widersprechender sozialer Rollen provozieren dagegen eine Spaltung des subjektiven Erlebens in verschiedenen Lebenslagen: Das Leistungsprinzip diszipliniert die Triebe autoritär, die Familie geht auf kindliche Wünsche ein, fordert aber Verzicht und Sublimierung. Und die Konsumindustrie fördert das permissive Ausleben der Triebe. Mit der Triebtheorie soll daher aus den Konzepten der Psychoanalyse das abspalten werden, was sozial beunruhigende Phänomene erklärt, gleichgültig, ob es sich um sexuelle oder körperliche Gewalt, um Perversionen, Gewaltverbrechen oder um Kriege handelt.

* PV 2.2 – Salon 5
Moderation: Ulrich Deutschmann
(max. 60 Teilnehmer)

16.30 – 17.15 Uhr

Denn nie war sie so wertvoll wie heute... Intersubjektivitätstheorie und die Theorie komplexer Systeme als Grundlagen einer zeitgemäßen Psychoanalyse
– Diskussion

Andreas Bachhofen

Noch nie haben so viele harte Fakten die Grundannahmen der Psychoanalyse untermauert. Die Genforschung, die sogenannten „Neurosciences“ und die Quantenphysik liefern immer wieder neue Bestätigungen für die Wichtigkeit und Richtigkeit der Annahme dynamischer, unbewusster Prozesse, ebenso wie für die zentrale Bedeutung der Qualität der therapeutischen Beziehung im Prozess des Verstehens und der Veränderung von Erleben und Verhalten. Allerdings stellen genau diese Fakten für die Psychotherapie allgemein und für die Psychoanalyse im Besonderen auch eine enorme Herausforderung dar, weil sie insbesondere auch die Position des Therapeuten kritisch hinterfragen und relativieren.
Eine mögliche Antwort auf diese Herausforderung ist eine gewisse Technisierung der Psychotherapie, wie sie in den Konzepten der sogenannten Traumatherapie momentan en vogue ist. Diese schreiben eher den Expertenstatus des Therapeuten fest, als ihn in der Mitbewegung zu halten. Das Unbewusste gerät damit in die Gefahr auf autonom funktionierende neuronale Netzwerke reduziert zu werden. Die andere Antwort, die die Psychoanalyse zu geben versucht, ist eher ein Aufgeben des Expertenstatus` des Therapeuten. Es ist die Betonung des dynamischen, intersubjektiven Feldes zwischen Patient und Therapeut, welches beide -natürlich immer in der unbedingten professionellen Verantwortlichkeit des Analytikers- zusammen konstruieren und in dem Begegnung und Heilung stattfinden. Die von Altmeyer und Thomä 2006 ausgerufene „intersubjektive Wende“ der Psychoanalyse ist weiter vorangekommen. Zu ihren progressivsten Protagonisten gehören nach wie vor die Vertreter der Intersubjektivitätstheorie um Robert Stolorow und Donna Orange, sowie die der Theorie komplexer Systeme, zu denen die Mitglieder der Boston Change Process Study Group um Daniel Stern zu zählen sind, ebenso wie W.J. Coburn. Der Referent stellt diese Konzepte und ihre neueren Entwicklungen vor und beschreibt eine psychoanalytische Haltung, die sich als Konsequenz aus diesen Theorien ergibt.

* PV 2.3 – Salon 6
Moderation: Dietrich Munz
(max. 40 Teilnehmer)

16.30 – 17.15 Uhr

Unzeitgemäßes über den Tod und seinen Trieb oder: Ein Kommafehler bei Freud
– Diskussion

Uwe Langendorf

Am 27.5.1920 teilt Freud in einem Brief an Eitington den Abschluß seiner Arbeit „Jenseits des Lustprinzips“ mit und zitiert lateinisch aus einer Ode von Horaz. Ein Kommafehler lässt wie bei einem Palimpsest auf einen von Freud unterdrückten latenten Gedanken schließen. Diese Verschreibung sehe ich im Zusammenhang mit Freuds lebenslanger Auseinandersetzung mit den Problemen des Todes und des Krieges, , beginnend mit dem Vortrag „Wir und der Tod“ vom 16.2.1915. Es wird vorgeschlagen, den Satz vom „Todestrieb“ von einer umstrittenen Hypothese der Triebtheorie auf diese Kernfrage zurück zu führen.. Die Psychoanalyse hat in der Folgezeit bis heute die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben weitgehend vermieden, ganz in Übereinstimmung mit dem „Zeitgeist“, der diese Themen tabuisiert oder an die Palliativmedizin delegiert. Der Tod wird so verfriedlicht, gezähmt, für die Wellnessgesellschaft kompatibel gemacht. Doch bleibt er als beunruhigendes Element im Unbewussten präsent. Abschließend soll ein Gedanke ausgeführt werden, den eine 2012 verstorbene Kollegin nicht mehr ausführen konnte: „Muttermord“.

* PV 2.4 – Salon 15
Moderation: Ingrid Rothe-Kirchberger
(max. 50 Teilnehmer)

16.30 – 17.15 Uhr

Vom Wahrnehmen, Fühlen und Denken "ohne Geländer"
– Diskussion

Gabriele Poettgen-Havekost

Der normative Begriff des „unZeitgemäßen“ ist mit der Form des chronologischen Zeiterlebens verbunden. Letzteres tritt bei spirituellen und tief regressiven Erfahrungen, in denen ein inneres Überschreiten von Zeit- und Raumgrenzen möglich wird, in den Hintergrund. In psychoanalytischen Behandlungen, in denen im Kontext performativer Inszenierungen sich vergangene Erfahrungen im gegenwärtigen Dialog immer wieder wandeln, in denen eine Bewegung durch regressive Erfahrungsprozesse mit der seriellen Logik des Unbewussten (Bollas2011), nachvollziehbar wird, kann scheinbar „unZeitgemäßes“ und „Ver-rücktes“ im Sinne eines „zeitgemäßen“, kreativen Lösungsversuchs verstehbar werden. Der gemeinsame Erfahrungs- und Abstimmungsprozess lässt sich zudem auf einer sensumotorischen Ebene, als vitalitätsdynamischer Fluss (Stern 2012), dem im rhythmischen Sinne ein zeitliches Timing immanent ist, beschreiben. Diese implizite, nicht sprachliche Ebene folgt ihren eigenen zeitlichen Gesetzmäßigkeiten.
Die Psychoanalyse zeigt heute im gesellschaftlichen Kontext nicht mehr kontrollierbaren Beschleunigungsprozesse die unZeitgemäße Möglichkeit auf, die Langsamkeit im Hinblick auf eine intensive Erinnerungs- und Beziehungsarbeit wieder zu entdecken. Inwieweit das unZeitgemäße, gesellschaftskritische Potential einen hinreichenden Niederschlag innerhalb der institutionalisierten Psychoanalyse, der Sozialisation von Psychoanalytikern findet, inwieweit es dort möglich ist, „gegen den Strom zu schwimmen“ (Quinodoz 2002) und ein „Denken ohne Geländer“ dort seinen Platz findet, lässt sich als aktuelle Frage stellen.

* PV 2.5 – Saal Berlin B
Moderation: Ingrid Moeslein-Teising
(max. 300 Teilnehmer)

17.15 – 18.00 Uhr

"Optimize yourself!" oder: Auf der Suche nach einer Bleibe für das beschädigte Leben
– Diskussion

Diana Pflichthofer

Ganz und gar unzeitgemäß scheint es heute zu sein, sich für etwas, für sich, für den anderen Zeit zu nehmen. »Scheint«, weil dieses zu unterschreiben eigentlich schon bedeutet, sich dem Diktat des allgegenwärtigen Kapitalismus zu beugen. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer hat gemeinsam mit vielen Mitarbeitern eine 10 Jahre währende Studie über die »Deutschen Zustände« abgeschlossen. Ihre Bilanz: »Entsicherung, Richtungslosigkeit und Instabilität sind zur neuen Normalität geworden« (Heitmeyer 2012, S. 34). Das soziale Ergebnis bezeichnet Heitmeyer als »rohe Bürgerlichkeit«. Demnach wären Sicherheit, Richtung und Stabilität, Grenzen an sich, heute unzeitgemäß. »Optimize yourself« lautet also das Schlagwort, das sich in der erlauchten Gesellschaft des »unternehmerischen Selbst« (Bröckling 2007) tummelt. Jeder kann sich zu solch einem Selbst gestalten, es bedarf nur einiger Optimierungs-, Empowerment- und Managementprogramme und des absoluten Glaubens an diese eigene Kraft. Aktiv sein und flexibel. Sich nicht binden, auch nicht an liebgewonnene Beziehungen, denn solche Bindungen deflexibilisieren. Soziale Kontakte stehen auf dem Prüfstand der Kosten-Nutzen-Kalkulationen. Das Ich wird zur Ware oder zum »Humankapital«.
Der flexible Mensch (Sennet 2000) ist gehalten, ständig Ballast abzuwerfen, sich von allem Alten, auch alten Werten zu trennen. Aber Bildung, vor allem die humanistische Bildung, beruht gerade auf dem Bewahren. Bildung ist, so der Philosoph Gadamer »ein echter geschichtlicher Begriff« (Gadamer 1960, S. 9), denn »das Aufgenommene [ist] nicht wie ein Mittel, das seine Funktion verloren hat« (ebd., S. 9) Aber der homo oeconomicus hat – streng genommen – keine Geschichte.
Und wir, die Therapeuten, wo stehen wir da? Die therapeutai (gr.), die Diener Gottes oder die Helfenden mit Hauptsitz bei Alexandria am Mareotischen See tauchen erstmals in Philons Schrift De vita contemplativa auf. Sie gehörten zu einer Gruppe von Männern und Frauen, die – so würde ich heute sagen – dem beschädigten Leben Raum geben wollten. »Reflexionen aus dem beschädigten Leben«, so nennt Adorno seine Minima Moralia, in denen er sich – auch unzeitgemäß – der Lehre vom richtigen Leben zuwenden wollte. »Wer die Wahrheit über das unmittelbare Leben erforschen will«, so Adorno, »muss dessen entfremdeter Gestalt nachfolgen« (Adorno 1951, S.7).
In dem Vortrag soll ein diesbezüglicher erster Versuch unternommen werden. Dabei wird es auch um die Frage gehen, ob die Psychoanalyse, die Psychotherapie sich nicht auch ganz unzeitgemäß als ein begrenzter und begrenzender Ort der Zeit und des Sozialen wie auch als ein Ort für das beschädigte Leben erweisen kann oder gar muss. Damit wäre sie – in ökonomischen Kategorien gedacht - jedoch scheinbar unzeitgemäß, allein, dieses war sie seit ihrer Entstehung, von Beginn an.

* PV 2.6 – Saal Berlin C
Moderation: Rupert Martin
(max. 300 Teilnehmer)

17.15 – 18.00 Uhr

Schöne neue Welt – zwischen Kulturpessimismus und Faszination für neue Möglichkeiten
– Diskussion

Volker Münch

Bei der Betrachtung aktueller Thematiken aus dem Bereich der Nutzung neuer Medien soll eine Brücke geschlagen werden zwischen psychoanalytischen und Blickwinkeln der analytischen Psychologie C.G. Jungs. Es soll untersucht werden, inwieweit sich abwehr-psychologische Überlegungen mit der Konzeption der Finalität vereinbaren lassen. Konzeptionen der Analytischen Psychologie können dazu beitragen, aktuellen Entwicklungen von Symptomen wie Burn-Out, ADHS, Internetsucht nicht nur defizitorientiert zu begegnen, sondern in diesen kulturellen, freilich auch stark wirtschaftlichen Interessen dienenden Strömungen auch deren hilfreiche und kreative Potenziale sehen zu lernen. Wir können uns auch als Psychoanalytiker die Frage stellen, inwieweit unser Leben inzwischen von diesbezüglich veränderten Wahrnehmungskategorien und Handlungsformen geprägt ist.
Ein tieferes Interesse an dem, was inhaltlich in Computerspielen und Mediennutzung geschieht fördert die Lebendigkeit altbekannter Mythologeme in neuer Verkleidung zu Tage. Hier ist auch der Frage nachzugehen, inwiefern die in dieser Weise immer wieder neu inszenierten (inneren) Kämpfe von Jugendlichen in ihrem Übergangsraum auf in unserer Kultur sonst zu wenig vertretene symbolische Räume zurückgehen. Aufgabe ist das zu kräftigende Ich im immer schneller sich drehenden Karussell der Vernetzung und Bebilderung, das archetypische Ängste auslösen kann. Wie also die Balance halten zwischen dem kritischen Potenzial einer psychoanalytischen Gesellschaftstheorie und einer unnötigen pauschalen Pathologisierung des Mainstreams der gesellschaftlichen Entwicklung?

* PV 2.7 – Salon 5
Moderation: Ulrich Deutschmann
(max. 60 Teilnehmer)

17.15 – 18.00 Uhr

"Unsichtbare Wunden" gesundheitliche Spätfolgen politische Repression in der DDR
– Diskussion

Karl-Heinz Bomberg

Durch mehrere Studien und klinische Arbeit ist der Nachweis erbracht, dass politische Haft und Verfolgung in der DDR gesundheitliche Folgen bei den Betroffenen hinterlassen. Diese reichen von posttraumatischen Belastungsstörungen über Depressionen, Ängste und psychosomatischen Krankheiten bis hin zu körperlichen Erkrankungen. Der Autor ist Betroffener und Heilender zugleich. An einem Fallbeispiel werden die Besonderheiten einer psychoanalytischen Traumatherapie dargestellt.

* PV 2.8 – Salon 6
(max. 40 Teilnehmer)

17.15 – 18.00 Uhr

AG: Unzeitgemäßes über den Tod und seinen Trieb

Uwe Langendorf

AG zum Vortrag

* PV 2.9 – Salon 15
(max. 30 Teilnehmer)

17.15 – 18.00 Uhr

AG: Psychoanalyse und Yoga
Eine zeitgemäße Begegnung zweier Erfahrungs- und Weltanschauungen.

Jutta Burket

Droht uns das Schicksal der Dinosaurier ? Nein! Unsere psychoanalytischen Theorien und Konzepte sowie unsere psychoanalytische Behandlungs-Kompetenz basiert und erwächst stets auf Grundlage unserer eigenen fortschreitenden Bewusstseinsentwicklung.
Die Psychoanalyse als Behandlungsmethode „stirbt“ erst, wenn wir uns als „Experten des Unbewussten“ positionieren und dort scheinbar gesichert stehen bleiben. Stattdessen gilt es, uns selbst unserer Tradition gemäß immer weiter zu entwickeln und uns selbst immer weiter „vorurteilsbewusst“ auch im Feld der psychoanalytischen Behandlung zu erforschen. Sowohl für den eigenen Entwicklungsprozess sowie ausdrücklich für den Behandlungsprozess unserer Patienten gilt es dabei die unbedingte professionelle Verantwortung zu übernehmen.
Das macht zugleich unsere lebendige Weiterentwicklung aus: wir sind wissenschaftlich neugierig und wir wollen als Psychoanalytiker „Unbewusstes bewusst machen“ und dies - da unerschöpflich – kann und wird niemals aufhören können (unendliche Analyse). Hier genau trifft und begegnet sich der Wunsch nach „Klärung unseres Geistes“ und „Erweiterung und Schulung unseres Bewusstseins“ in der Tradition des Yoga. Yoga ist keine Psychotherapie und Psychotherapie ist kein Yoga. Entstanden und entwickelt aus völlig unterschiedlichen Kulturen und dennoch vielfach verbunden in der Betrachtung zentraler Themenkomplexe wie „Beziehung“, „Mitgefühl“ und „Heilung“ sowie dem „Umgang mit Leid“ sollen in dieser Arbeitsgruppe einige basale Ausgangspunkte und Grundannahmen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Sicht- und Erfahrungsweisen in Psychoanalyse und Yoga als zwei transformierende „Übungswege“ betrachtet werden.
Es handelt sich um einen erfahrungsorientierten Workshop. Wir werden uns diesen Fragen auch von der erfahrungspraktischen Seite annähern. Bereitschaft zu kurzen Yoga- und Meditationsübungen (auf dem Stuhl) wird vorausgesetzt.

* PV 3.0 – Salon 7
(max. 140 Teilnehmer)

14.30 – 18.00 Uhr

AG: Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
Zeitgemäßes: Anwendung der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie bei der Behandlung eines Patienten mit einer psychotischen Erkrankung

Eeva-Kristiina Akkanen-vom Stein, Stephan Alder, Astrid Gabriel, Kristiane Göpel, Michael Krenz, Charlotte Rothenburg, Birgitta Rüth-Behr, Anne Springer, Albrecht Stadler

Die AG entwickelte sich aus einer Veranstaltung zur Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie im Rahmen des Berliner DGPT-Kongresses 2004. In den folgenden zwei Jahren konstituierte sich die AG als eine Gruppe, in der alle Fachgesellschaften und die Freien Institute personell vertreten sind und die als Verstandskommission die DGPT auf ihrem Weg der Integration tiefenpsychologisch fundiert ausgebildeter Kolleginnen und Kollegen im Rahmen der Übergangsregelungen fachlich unterstützte und begleitete. Die AG entschied sich, fallzentriert und zur Wahrung der notwendigen Intimität für eine Zeit geschlossen zu arbeiten. Sie entwickelte aus der Arbeit an Kasuistiken theoretische und behandlungstechnische Ideen und Vorschläge zur Ausgestaltung des Verfahrens aus psychoanalytischer Sicht. Erste Arbeitsergebnisse wurden beim DGPT-Kongress in Halle 2011 vorgestellt. Der spezifische Beitrag der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie als Anwendung der Psychoanalyse für die psychotherapeutische Versorgung konnte anhand der Arbeitsergebnisse aufgezeigt werden. Der positive Wert der Begrenzung von Zeit und Inhalt wurde gezeigt. 2012 war der Schwerpunkt darzustellen, wie die Indikationsstellung, die Arbeit mit dem Fokus und die Beendigung der Behandlung anhand einer Kasuistik praktisch erlebt und behandlungstechnisch gestaltet werden. Die notwendige Reflexion der Themen: Arbeit an der Enttäuschung und der möglichen Erkenntnis, dass „Mehr nicht immer mehr“ ist, wurden vertieft diskutiert. Bei dieser dritten Veranstaltung sollen anhand einer Kasuistik die Möglichkeiten der Behandlung von Patienten, die unter einer schizoaffektiven Psychose leiden, vorgestellt werden. Es handelt sich also um die Anwendung von tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie in einem spezifischen Indikationsgebiet. Aktuelle Schwerpunkte der Diskussion sollen sein: Vom Wert der Begrenztheit und vom Wert der geduldigen, reflektierenden Präsenz über längere Zeiträume.

Die Veranstaltung ist offen für alle interessierten Kolleginnen und Kollegen.

* PV 3.1 – Salon 11
Forum Aus- und Weiterbildung
Steffen Elsner, Christiane Grammel, Ariane Heeper, Ulrike Vetter, Heike Weiss
(max. 80 Teilnehmer)

14.30 – 18.00 Uhr

Würde Dr. Freud heute an einem psychoanalytischen Institut seine Ausbildung machen?

Alf Gerlach, Silke Wiegand-Grefe, Siegfried Zepf u.a.

Freud würde sich wohl sehr wundern, wenn er heute eines unserer Ausbildungsinstitute besuchte: Nicht rauchen? Kaum noch ärztliche KollegInnen? „Triebleere“?

Wir gehen in unserem Forum den Fragen nach, wie es psychoanalytischen Instituten gelingt, das Kritische und Schöpferische der Psychoanalyse lebendig zu halten. Wie kann damit in der eigenen Organisationskultur begonnen werden? Wo ist das Potenzial der Psychoanalyse geblieben?

* PV 3.2 – Salon 13
(max. 22 Teilnehmer)

14.30 – 18.00 Uhr

AG: Praxis der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie

Erich Limmer / Bettina Mudrich

Die AG richtet sich an KollegInnen, die an einer längerfristigen Beschäftigung mit der Praxis der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie interessiert sind und soll – als durchlaufendes Angebot im Rahmen der Jahrestagungen - ein Forum bieten für die inhaltliche Arbeit an Fällen unter verschiedenen theoretischen und behandlungstechnischen Aspekten sowie für den Austausch hinsichtlich der Förderung der „Tiefenpsychologischen Identität“ im Kontext der Institutsausbildung.
Im ersten Teil der Arbeitsgruppe wird Frau Dr. Utari-Witt (MAP München) einen Fall vorstellen, anhand dessen wir in der Gruppe beispielhaft Entwicklung und Formulierung eines Fokus für die Behandlung erarbeiten und die Bedeutung der Fokusbildung gerade in der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie diskutieren möchten. Diesen Prozess wird Herr Dr. Klöpper (APH, Hamburg) moderieren, der sich schon seit langem mit dieser Thematik befasst. Im zweiten Teil gibt es Raum, aktuelle Fragen der TeilnehmerInnen zu diskutieren und die Arbeit der an einigen Instituten bereits existierenden Arbeitsgruppen zur Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie vorzustellen.

* PV 3.3 – Salon 16
Moderation: Klaus-Jürgen Bruder, Karsten Münch
(max. 80 Teilnehmer)

14.30 – 18.00 Uhr

AG: Psychoanalyse und Gesellschaft

100 Jahre Totem und Tabu – Psychoanalytische Kulturtheorie heute

Dieter Sandner

Die zentralen Annahmen der Freudschen Kulturtheorie wie sie in "Totem und. Tabu " (1913) " Massenpsychologie und Ich- Analyse " (1921), " die Zukunft einer Illusion " (1927), " das Unbehagen in der Kultur " (1930) sowie "der Mann Moses und die monotheistische Religion " (1938) ausgearbeitet wurden, werden heute vielfach als Spekulation bzw. unbeweisbare Behauptungen Freuds betrachtet, ohne Bedeutung für unsere psychische und gesellschaftliche Realität.
In dem Vortrag wird die These vertreten, dass die Freudsche Konzeption des Hordenvaters, der Ur-Horde, des Schicksals der Brüder-Horde wie auch der Frauen generell sowie des Vatermordes und dessen Folgen gut geeignet scheint die heutigen Beziehungsmuster und das gesellschaftliche Beziehungsgefüge zu verstehen, in denen Männer und Frauen sich bewegen. Sie geben das unbewusste Beziehungsgehäuse wieder, in dem wir auch heute uns befinden. Dieses patriarchale Modell der Beziehungsgestaltung, in dem es um monopolisierende Über- und Unterordnung von Männern unter Ausschluss der Frauen geht, wird dargelegt und unter speziellen Blickwinkeln betrachtet:

  1. Dem Verständnis des soziostrukturellen und kulturellen Gehäuses in dem wir uns bewegen.
  2. Der Strukturierung der Gesamtpersönlichkeit unter unseren gesellschaftlichen Verhältnissen, (gesellschaftsweit vorwiegend depressive Beziehungs- und Persönlichkeitsstrukturen)
  3. Dem kulturpsychologischen Verständnis der christlichen Tradition

Einmal um die ganze Welt - Leugnung von Traumatisierung in der globalisierten Postmoderne oder der Wert der Andersartigkeit.

Monika Huff-Müller

Der Zeitgeist der postmodernen Gesellschaft ist geprägt von der Vorstellung von Selbstbestimmung und Machbarkeit. Der Prozess der Globalisierung erfordert eine Veränderungsbereitschaft des Menschen, die in Wirtschaft und Gesellschaft aktuell mit positiven Elementen von Neuorientierung und Chancenentwicklung durch Mobilität und Flexibilität verknüpft werden. Die Fremde, die zur Entwurzelung, Machtlosigkeit, Konfusion, Überforderung und narzisstischer Brüchigkeit führt, wird dabei häufig ausgeblendet. Traumatisierungen durch Entwurzelung, Entheimatung und Fremdheit werden abgespalten und geleugnet. Vergangenes hat kaum Platz, der Wert des Erinnerns wird in Frage gestellt. Die psychoanalytische Arbeit scheint nicht recht zu den Vorstellungen der Postmoderne zu passen, in der das Individuum sich jederzeit neu zu erfinden scheint. Zunehmend beobachten wir in der Praxis eine transgenerationale Weitergabe abgebrochenener Biografien und Identitätsbrüche an die nächste Generation in Form eines kumulativen Traumas, nicht nur bei Flucht sondern auch bei scheinbar frei gewählter Mobilität.
In Psychotherapien besteht die Gefahr, keinen Umgang mit diesen Phänomenen zu finden und damit in der psychotherapeutischen Arbeit der allgemeinen gesellschaftlichen Leugnung und Abspaltung des Vergangenen und des Fremden zu folgen. Anhand der Kasuistik einer deutsch–chinesischen Patientin soll diskutiert werden, wie die unzeitgemäße psychoanalytische Vorgehensweise Chancen bietet, der postmodernen Haltung etwas entgegen zu setzen.

* PV 3.4 – Salon 17
Forschungsforum
Moderation: Martin Teising
(max. 100 Teilnehmer)

14.30 – 18.00 Uhr

Wenn Depressive ihre Therapie wählen… Psychoanalytische und kognitiv-verhaltenstherapeutische Langzeittherapie bei chronischer Depression. Aktueller Stand der LAC-Studie.

Marianne Leuzinger-Bohleber

Die LAC Depressionsstudie wird seit 2007 von der DGPT, der Heidehofstiftung, der IPA, der DFG, Herrn Dr. von der Tann, weiteren privaten Förderern unterstützt. Inzwischen wurden über 400 chronisch depressive Patienten rekrutiert. Da der Präferenzarm schon vor 2 Jahren geschlossen werden konnte und sich die Rekrutierung seither auf das Auffüllen der Randomisierungsarme konzentrierte, werden z.Zt. erste Ergebnisse der präferierten psychoanalytischen und verhaltenstherapeutischen Behandlungen durch das unabhängige Methodenzentrum in München ermittelt. Im September werden daher diese ersten Ergebnisse vorgestellt werden können. Zudem wird anhand von einer ausführlichen Falldarstellung die Methode des „Three Levels Models for Clinical Observation“ skizziert, die von einer Projectgroup der IPA (Chair: Marina Altmann) entwickelt wurde und dazu dient, systematische klinische Falldarstellungen durch eine psychoanalytische Expertengruppe zu validieren, bevor sie publiziert werden.

Wirksamkeit, Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit analytischer Psychotherapie bei Patienten mit Angst- und Persönlichkeitsstörung. Die APS-Studie.

Cord Benecke

Im Bereich Psychotherapie von Angststörungen bestehen zurzeit Forschungslücken: Mangel an Studien unter systematischer Berücksichtigung der Komorbidität; Mangel an Studien zur Überprüfung der Nachhaltigkeit der Wirkungen; Mangel an Untersuchung der langfristigen Nutzen-Kosten-Relation; Mangel an Studien zur differenziellen Indikation. Die APS-Studie zielt darauf ab, diese Lücken zu schließen, indem Analytische Psychotherapie (AP) und Kognitive Verhaltenstherapie (VT) in einem randomisiert-kontrollierten Studiendesign miteinander verglichen werden. Aufgrund der epidemiologischen Bedeutung werden Patienten mit der Leitsymptomatik einer Panikstörung mit Komorbidität im Bereich Persönlichkeitsstörungen untersucht. Es wurde ein Manual zur Analytischen Psychotherapie von Patienten mit Panik- plus Persönlichkeitsstörungen erstellt. Im Vortrag wird das Studiendesign sowie der Stand der APS-Studie vorgestellt.

Wissenskulturen: Überlegungen zur Unhintergehbarkeit der Differenzen zwischen Psychoanalyse und kognitiver Verhaltenstherapie

Christian Sell

Der Vortrag versteht sich als Versuch, das Verhältnis unterschiedlicher therapeutischer Richtungen zueinander zu denken. Die Ergebnisse der gegenwärtigen Psychotherapieforschung werden häufig dahingehend interpretiert, dass sich auf empirischem Wege eine Überlegenheit der kognitiven Verhaltenstherapie gegenüber psychoanalytisch begründeten Verfahren nachweisen lässt. Ein solcher Schluss, so soll gezeigt werden, ignoriert nicht nur eine Vielzahl von empirischen Ergebnissen, sondern ist auch ganz grundsätzlich nicht haltbar. Anhand der sozialwissenschaftlichen Analyseeinheit der Kultur – genauer, der Wissenskultur – lassen sich Psychoanalyse und Verhaltenstherapie als heterogene, also wesentlich verschiedene Praktiken der Erzeugung und Bewertung von Wissen ausweisen. Die Wissenskultur der (quantitativen) Psychotherapieforschung weiterhin, nach welcher die beiden Verfahren verglichen werden, ist in den relevanten Aspekten identisch mit der Kultur der Verhaltenstherapie, jedoch sehr verschieden von der der Psychoanalyse. Mögliche Implikationen einer solchen Konzeption für Psychotherapieforschung und gute (integrative?) therapeutische Praxis möchte ich zur Diskussion stellen.

Überlegungen zur Modernität der Wissenschaftstheorie der Psychoanalyse

Georg Richard Gfäller

Was ist Wissenschaft? Eine mögliche Antwort der heutigen praktischen Philosophie bezüglich Psychoanalyse ist: Genügt sie den Ansprüchen, a) „adäquatio res et intellectu“ – ist ihr Denken dem adäquat, worüber nachgedacht wird?, b) semantische Konsistenz – ist die Grammatik (Logik) des Sprechens der inneren Struktur (Logik) dessen adäquat, worüber gesprochen wird?, c) Wird im Sprechen über das, was beforscht wird, die Beteiligung des Forschens und Forschers am Forschungsprozess, ausreichend reflektiert?, d) Werden die Erkenntnisse anderer Wissenschaften genügend einbezogen?, e) Gibt es genügend Austausch? Die Antworten benötigen Vorüberlegungen:

  • 1. Erkenntnis: Die moderne Physik handelt nicht nur von ihren Objekten, sondern von Tat-Sachen, und „in diesen Taten sind wir als die erkennenden Subjekte wiederzuerkennen“ (Meyer-Abich 2012, S. 3). Die Psychoanalyse?
  • 2. Nicht-Lokalität: Einstein’s Schlussfolgerung, wesentliche Prozesse unseres Universums haben keinen Ort, äußern sich aber an Orten – passt das zur Psychoanalyse?
  • 3. Einheit von Forschen, Behandeln und Theorie: Das von C.F. von Weizsäcker angestrebte Denken war, „dass die wissenschaftliche Erkenntnis der Gegenstände (jeglicher Wissenschaft, GRG) und die philosophische Erkenntnis ihrer Gegenständlichkeit nicht zweierlei, sondern einerlei Erkenntnis seien“. Die Einheit von Forschen, Behandeln und Theoriebildung forderte auch Freud (1923a [1922], S. 211)
  • 4. Der Leib als Einheit von Körper und Seele: Freud (1926f): Die psychischen Kräfte „sind ursprünglich alle von der Natur der Triebe, also organischer Herkunft, durch ein großartiges (somatisches) Vermögen (Wiederholungszwang) ausgezeichnet, finden in affektiv besetzen Vorstellungen ihre psychische Vertretung“.
  • 5. Logik: Genügt die Logik der Psychoanalyse derjenigen der nicht-euklidischen Geometrie? Die dem Leben adäquate Logik ist: Widersprüchlichkeit macht das Lebendige aus, und das Messinstrument ist nicht nur „Objektivität“, sondern Erleben

* PV 3.5 – Salon 12
(max. 22 Teilnehmer)

14.30 – 17.00 Uhr

Offene AG der Vertrauensleute
Abwehr gegen die Beschäftigung mit Missbrauch

Wulf Hübner / Brunhilde Schmieder-Dembek u.a.

Erneut möchten die Vertrauensleute der DGPT - von Themen ausgehend, die sie im Rahmen ihrer Tätigkeit beschäftigt haben - in Dialog mit den Mitgliedern treten. Inhaltlich geht es diesmal um die Arten von Abwehr gegen die Beschäftigung mit Missbrauch sowie deren Motive, wie Angst vor Konflikten, vor Beschädigung der eigenen Integrität sowie vor Beschädigung des Anderen und der Institution. Nach der Einführung durch Mitglieder der Vertrauensleute soll Raum für Diskussion, Fragen und  Einbringen eigener Erfahrungen gelassen werden. Neben allen übrigen Mitgliedern sind Vertrauensleute der Institute, Mitglieder der Schiedskommissionen, in den Kammern im ethischen Bereich tätige Kollegen sowie Kandidaten willkommen.

* PV 3.6 – Salon 21
(max. 200 Teilnehmer)

14.30 – 17.00 Uhr

Psychoanalyse und Film
Le Havre von Aki Kaurismäki
– Diskussion

Monica Fritzsche

Am Hafen von Le Havre wird ein Container mit afrikanischen Flüchtlingen entdeckt. Ein Junge kann fliehen. Er begegnet Marcel, der ihm mit Unterstützung der Bewohner seines Viertels hilft, die Flucht zu seiner Mutter nach London fortzusetzen. Es ist ein Film über Marcel, der als Schuhputzer arbeitet und mit seiner krebskranken Frau im alten Hafenviertel von Le Havre lebt. Es ist auch ein Film über die Menschen, die heute als illegale Flüchtlinge in Europa landen. Kaurismäki möchte die Auswirkungen der „finanziellen, politischen und moralischen Krise“ zeigen. Er gibt nicht vor, Antworten zu haben, aber er möchte mit diesem Film Stellung beziehen. Es ist ein nostalgisch anmutender Film, in warmen, weichen Farben, mit langen Kameraeinstellungen. Die Einfachheit der Dinge von früher wird beschworen. Es gibt Telefone mit Wählscheiben, ein Grammophon, alten Rock ‘n Roll. Französische Kultautos der 60er und 70er fahren auf den Straßen. „Modern“ heißt hier eine Bar, in der sich die Verlierer der heutigen Welt treffen. Die Gegenwart in dem Film sind Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm über die Zerstörung von Flüchtlingslagern. Die Stadt Le Havre wurde von den Bombenangriffen der Alliierten im 2. Weltkrieg zerstört und nach den Plänen moderner Architekten wieder aufgebaut. Kaurismäki dreht den Film im alten Hafenviertel, in dem noch Überreste der alten Architektur zu finden sind. Es ist inzwischen einem modernen Wellness-Spaßbad gewichen.
„Le Havre“ ist ein Märchen für Erwachsene, in dem der Held durch die Solidarität der kleinen Leute gerettet wird. Ein Film über die anscheinend veralteten Werte der 68 er wie Moral, Sinn des Lebens, Solidarität und Hoffnung. Das Märchen und die Psychoanalyse helfen nach Bettelheim dem Menschen „das Problematische im Leben zu akzeptieren, ohne sich davon besiegen zu lassen oder in eine eskapistische Haltung auszuweichen“, d.h. in der Verzweiflung die Hoffnung nicht zu verlieren.
Kaurismäki zeigt die Menschen, die am Rande der großen Stadt leben und die Flüchtlinge in all ihrer Würde. Es ist Zeit genug, um in langen Kameraeinstellungen die Gesichter zu betrachten. Dies ist vergleichbar mit dem psychoanalytischen Erkennen der Menschen, in dem Identität und Würde, letztendlich das Gefühl von Sinnhaftigkeit im Tun gebildet werden können.

* PV 3.7 – Salon 14
Forum Psychoanalyse im Krankenhaus
Moderation: Bernhard Janta
(max. 22 Teilnehmer)

14.30 – 16.00 Uhr

STOP-D – Neue Befunde zu klinisch-deskriptiven und psychodynamisch relevanten Variablen

Daniel Seidler

Die generelle Wirksamkeit tiefenpsychologisch orientierter Psychotherapie zur Behandlung depressiver Erkrankungen ist hinreichend belegt. Befunde hierzu beziehen sich jedoch vorrangig auf den ambulanten und Reha-Bereich. Es soll hier die Wirksamkeit einer solchen Behandlung in einem stationären, tiefenpsychologisch orientierten Setting dargelegt werden. Im Rahmen der multizentrischen naturalistischen Interventionsstudie „Stationäre tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie depressiver Störungen - STOP-D“ wurden von 15 deutschen tiefenpsychologisch orientierten psychosomatischen Kliniken Daten erhoben (prä, post, Sechs-Monats-Katamnese). Aufgrund höherer Prävalenzraten und zur Homogenisierung der Stichprobe wurden lediglich weibliche Patienten in die Studie eingeschlossen (N = 487; Alter 25 bis 45 Jahre), bei denen entweder eine depressive Erkrankung nach ICD-10 oder eine dimensional ausgeprägte depressive Beeinträchtigung bestand (BDI-Summenscore ≥ 11). Die Daten der Patientinnen wurden mittels Selbst- und Fremdeinschätzungsinventaren (u.a. BDI, HAMD, SCL-90-R, BSS, HUS, IPO) erfasst.
Neben generellen Wirksamkeitsnachweisen sollen ersten Befunden zu verschiedenen Subgruppen der Stichprobe (z.B. Einfluss von Komorbidität oder Medikation) sowie Einflüsse auf psychodynamische Faktoren (Ich-Stärke, Niveau der Konfliktverarbeitung) dargestellt werden. In allen klinischen Zielmaßen zeigte sich eine signifikante Symptomreduktion mit hohen bis sehr hohen Effektstärken im Verlauf. Die Ergebnisse stützen bisherige Befunde zur generellen Wirksamkeit tiefenpsychologisch orientierter Psychotherapie und geben zudem Hinweise auf wichtige Einflussfaktoren des Therapieerfolges.

Psychodynamisch-integrative Komplexbehandlung bei komorbider Depression in der Akutklinik

Michael Purucker

Der Vortrag reflektiert Möglichkeiten und Voraussetzungen der akutklinischen stationären psychodynamisch-integrativen wohnortnahen Komplexpsychotherapie mit einem nach OPD an Konfliktpathologie und Strukturniveau orientiertem multiprofessionellem Konzept bei schweren und komorbiden depressiven Störungen und verdeutlicht dies mit Daten zu Komorbidität, Struktur- und Prozessqualität (analytisch supervidiertes multiprofessionelles Team, Übertragungs-Gegenübertragungsanalyse, Einbeziehung des Aussenraumes, zustandsadaptierte lange Behandlungsdauer mit 90-180 Tagen mit stationärer Akuttherapie und regressionsbegrenzender teilstationärer Ausleitung) sowie mit klinischem Material zur psychodynamisch-integrativen Behandlungstechnik (mit kontrollierter therapeutischer Regression, Bearbeitung der Abwehrmuster, Umstrukturierung relevanter Foki, reflektierter Psychopharmakotherapie, psychosozialer Therapie mit Angehörigenarbeit und Arbeitsplatztraining). Anhand klinischer Verläufe werden Wirksamkeit und Wirkfaktoren dieser kausal orientierten Behandlung bei komorbider Depression und neurotischer bzw. strukturell beeinträchtigter Entwicklung sowie der spezifische Beitrag der analytischen Haltung zur qualifizierten Behandlungsplanung und Methodenintegration diskutiert - auch hinsichtlich einer Argumentation gegen symptomorientierte und ökonomische Auffassungen (z. B. der Kostenträger).

* PV 3.8 – Salon 14
(max. 22 Teilnehmer)

16.30 – 18.00 Uhr

AG: Psychiatrie und Psychoanalyse

Joachim Küchenhoff / Christopher Rommel

„Psychoanalyse im psychiatrischen Alltag“
Im 2. Workshop der 2012 gegründeten Arbeitsgruppe werden einleitend kurz die Ziele und die Organisationsform der AG vorgestellt und die Teilnehmerinnen begrüsst. Im Hauptteil arbeiten wir den Nutzen der Psychoanalyse im psychiatrischen Alltag heraus. Die beiden Leiter stellen je eine kurze und alltägliche klinische Interaktion vor; beide Vignetten werden aus einer psychoanalytischen Perspektive diskutiert. Sehr gern wollen wir Begegnungsvignetten aus der klinischen Arbeit der Teilnehmenden gerne einbeziehen und gemeinsam diskutieren. Folgende zentrale Fragen sollen im gemeinsamen Gespräch beantwortet werden:

  • Wie notwendig ist psychoanalytisches Denken im psychiatrischen Alltag?
  • Welche psychoanalytischen Konzepte und Methoden lassen sich im klinischen Alltag anwenden?
  • Wie können interdisziplinär arbeitende Teams in der psychoanalytischen Reflexion ihres Handelns geschult werden?
  • Wie notwendig ist die psychiatrische Praxis für die Entwicklung des psychoanalytischen Denkens?

Abschliessend werden die nächsten Treffen der AG geplant.

 

Sonntag, 29. September

Hotel Maritim, Saal Maritim
Moderation: Beate Unruh

09.30 – 10.30 Uhr

Is clinical psychology too positive? Reflections on the relationship between mental health and capitalism
In englischer Sprache
– Diskussion

Eva Illouz

10.30 – 11.00 Uhr

Kaffeepause

11.00 – 12.00 Uhr

Schnelle Besserungen – langsame Veränderungen
– Diskussion

Ingo Focke

Als Zeichen einer Besserung in Psychotherapien sehen wir eine Abnahme der Symptomatik, eine bessere Stimmung, einen Rückgang der Angst, lebendigere Beziehungen und eine verbesserte Fähigkeit, mit den Problemen des Alltags fertig zu werden. Manchmal reicht ein Anstoß in wenigen therapeutischen Gesprächen. Das wirft die Frage auf, wie kann das in so kurzer Zeit möglich sein. Wenn es gelingt, einem Patienten dabei zu helfen, über sich sprechen zu können, seine inneren Vorgänge, seine Ängste, seine Wünsche und seine Enttäuschungen darzustellen, wird eine Transformation innerer Vorgänge unterstützt. Innehalten und Nachdenken über die eigene Situation kann eine neue Perspektive schaffen. Ein Therapeut stellt sich mit seiner Person in den Dienst einer therapeutischen Zielsetzung zum Wohle des Patienten. Seine wohlwollende Anwesenheit, seine Bereitstellung des Raumes, der Wegfall von erwarteter Kritik und Ermahnung wirken unmittelbar auf die Regulation psychischer Vorgänge. Ein Problem bekommt damit eine Berechtigung und kann leichter anerkannt werden. Die Perspektive verändert sich und es erscheint nicht mehr unüberwindbar.
Eine therapeutische Haltung ist nicht leicht zu erlernen und muß immer wieder neu erworben werden. Wenn es nämlich um Veränderungen geht, die das vertraute innere Gleichgewicht gefährden, weil sie dynamisch abgewehrte unbewußte Zuständen berühren und Angst, Scham und Schuldgefühle auslösen, verwendet die Angst vor Veränderung die intersubjektive Situation selbst als Widerstand.
Jede therapeutische Situation weckt nicht nur Hoffnungen, sondern berührt auch Auslieferungs- und Verfolgungsängste wie die Angst vor Kritik, Verurteilung, Beschämung und Zurückweisung. Während schnelle Symptombesserungen auf eine schnelle Verschiebung eines inneren Gleichgewichtes zurückzuführen sind, sind Veränderungen eines Ichs im Umgang mit inneren Konflikten und äußeren Belastungen nur gegen Widerstand zu erreichen und oft mit zeitweiligen Verschlechterungen des Befindens verbunden. Die Abwehr richtet sich gegen die Aufhebung von Verdrängung sowie gegen die Konfrontation mit unerträglichen und nicht prozessierten inneren Zuständen.
Bei einem Patienten mit schweren Panikzuständen und einer psychosomatischen Grunderkrankung wird eine schnelle Besserung beschrieben, die zum Ende der Behandlung führte und zweimal nach schweren Rückfällen zu ihrer Wiederaufnahme. Eine schnell wiedererlangte Sicherheit erlaubte die Verwerfung traumatischer Erfahrungen, bei denen zu diskutieren bleibt, ob sie in einer Spaltung und Dissoziation organisiert werden, ob es zu einem Riß im Ich gekommen ist oder ob es ausschließlich zu einer somatischen Speicherung gekommen ist. Der therapeutische Prozess ist langwierig, voller Hindernisse und Sackgassen und führt in eine Auseinandersetzung mit Schmerz, Desorganisation und überwältigenden Ängsten. Ein solcher Veränderungsprozess muss nicht unbedingt mit einer beeindruckenden Verbesserung der Symptomatik einhergehen, er ist vielmehr mit einer größeren Toleranz des Ichs für Unlust, Depressionen und Angst und mit einer Annahme des eigenen Lebens verbunden.

12.00 – 13.00 Uhr

Neurobiologische Grundlagen von Psychotherapien und ihrer zeitlichen Dynamik
– Diskussion

Gerhard Roth

Neurobiologische Grundlagen von Psychotherapien und ihrer zeitlichen Dynamik Gängige Psychotherapien wie Psychoanalytische Psychotherapie (AP)und verwandte psychodynamische Therapien (PDTs) oder kognitive Verhaltenstherapie (KT) bieten hinsichtlich ihrer möglichen Wirkungsweisen bei affektiven Störungen Erklärungsmodelle an, die aus neurowissenschaftlicher Sicht bestenfalls nicht belegt sind. Dies gilt vor allem für den Ansatz einer „kognitiven Umstrukturierung“, sofern man unter „kognitiv“ nicht unzulässigerweise „emotional-affektiv“ versteht. Aber auch für die AP bzw. die PDTs gibt es bisher kaum Ansätze zu einer neurowissenschaftlichen Fundierung, obgleich hier einige Grundaussagen durchaus zutreffend erscheinen (z.B. Bindungsorientierung).
Die Wirkung von Psychotherapien ist auf der zellulären Ebene limbischer Zentren und ihrer Verknüpfungsstrukturen zu suchen, und zwar im Bereich des Stressverarbeitungs-, Selbstberuhigungs-, Impulshemmungs- und Bindungssystems. Die bei vielen Therapien auftretende anfänglich schnelle Befindlichkeitsbesserung lässt sich gut über die Aktivierung des Bindungssystems (Oxytocin, endogene Opioide) und dessen oberflächlich regulierenden Einfluss auf die anderen Systeme erklären. Ein weiterer positiver Verlauf der Therapie verlangt jedoch tiefgreifende Umstrukturierungen, die mit einer Veränderungsresistenz auf zellulär-molekularer Ebene zu kämpfen haben. Dies gilt insbesondere für die Interaktionen zwischen Stirnhirn, Amygdala und mesolimbischen System und ihren jeweiligen Einfluss auf die Basalganglien (BG) als eigentlichem Steuerzentrum für Psyche und Verhalten im Gehirn. Diese lassen sich nur durch lang anhaltende Einwirkungen in einem förderlichen emotional-motivationalen Rahmen und abhängig von der individuellen Disposition des Patienten ändern.
Dies spricht aus neurobiologischer Sicht für ein Zwei- bis Mehr-Phasen-Modell von Psychotherapien (kurze und langandauernde Therapiephase) bei affektiven Störungen.

13.00 Uhr

Verabschiedung

Im Anschluss: Ausgabe der Zertifizierungen

Die Jahrestagung ist als Fortbildungsveranstaltung gemäß § 95 d SGB V durch die Psychotherapeutenkammer mit 12 Punkten (3/ 6/ 3) anerkannt. Entsprechende Teilnahmebescheinigungen erhalten Sie am Ende der Tagung gegen Abgabe Ihres persönlichen Barcode-Aufklebers oder nach Eintrag in die ausgelegten Unterschriftslisten im Kongressbüro.